Gottsuche an Ostern

Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn,
den meine Seele liebt.
Ich suchte ihn und fand ihn nicht.
Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen,
die Gassen und Plätze, ihn suchen, den meine Seele liebt
Ich suchte ihn und fand ihn nicht.

Mich fanden die Wächter
bei ihrer Runde durch die Stadt.
„Habt ihr ihn gesehen,
den meine Seele liebt?“
Kaum war ich an ihnen vorüber,
fand ich ihn, den meine Seele liebt.

Ich packte ihn, liess ihn nicht mehr los,
bis ich ihn ins Haus meiner Mutter brachte,
in die Kammer derer, die mich geboren hat.
(Hld 3,1-4)

Überrascht es Dich, dass dieses Liebeslied in der Bibel steht und etwas mit Ostern zu tun haben soll? Es ist ein Lied aus der Liedsammlung, die den Titel „Das höchste der Lieder, zu Salomo gehörend“ trägt. Der hier abgedruckte Tex ist das Lied einer Frau über ihren Geliebten. Man ist sich beim Lesen ungewiss, ob es nicht einfach ein Traum der Frau ist. Sie liegt in ihrem Bett und kann an nichts anderes denken als an ihren Geliebten und sie nimmt sich vor, in die Stadt zu gehen und ihn überall zu suchen. Sie kann nicht ohne ihn sein. Aber er scheint nicht auffindbar zu sein. „Ich suchte ihn und fand ihn nicht“, sagt sie gleich zweimal im ersten Teil des Liedes. Ob sie sich nun wirklich in die Stadt aufgemacht hat, oder ob alles Weitere des Liedes nur die Fortsetzung des Traumes ist, das ist der Leserin und dem Leser überlassen. Sicher ist, dass sie trotz intensiver Suche ihren Geliebten nicht findet. Sie selbst aber wird gefunden, jedoch nicht von ihrem Geliebten, sondern von den Wächtern. Die Wächter durchstreiften in der Nacht die Stadt und schauten, dass alles in Ordnung war, dass kein Feuer ausgebrochen war und dass keine Diebe ihr Unwesen trieben. Überhaupt sollte sich des Nachts niemand auf der Strasse herumtreiben. Hier scheint die Begegnung mit den Wächtern glimpflich abzulaufen. Sie geben ihr sogar die Gelegenheit, nach ihrem Geliebten zu fragen. Vielleicht ist er ja den Wächtern mitten in der Nacht aufgefallen? Doch ohne die Antwort abzuwarten, scheint die Frau weiter zu ziehen. Jedenfalls sagt das Lied nichts über eine Antwort der Wächter. Und wenig später wird ihre Suche belohnt. Sie findet ihren Geliebten und sie hält ihn fest, bis sie ihn in die innerste Kammer ihres Mutterhauses gebracht hat, damit sie ihn nie wieder verlieren kann.

Man kann dieses Liebeslied natürlich als ein solches lesen, aber dieses „höchste der Lieder“ hat durch die Jahrhunderte hindurch noch verschiedene andere Deutungen erfahren: Es wurde in der rabbinischen Literatur als Liebeslied zwischen dem Volk Israel und seinem Gott angesehen, in den ersten Jahrhunderten der Kirche als Liebeslied zwischen der Kirche und Jesus Christus und in der Mystik als Lied der menschlichen Seele an ihren Gott. Für uns heute könnte letztere Deutung wichtig sein. Es gibt Situationen im Leben – und vielleicht ist diese Krise, in der im Moment die ganze Welt steckt, eine solche Situation – da scheint Gott abhanden gekommen zu sein. Die Menschheit liegt krank auf ihrem Lager und vielleicht fragt sich manch eine oder einer, wo denn hier Gott noch ist. Warum ist er nicht da, warum tut er denn nichts, um uns zu retten? Wir suchen ihn und finden ihn nicht. Und wir dürfen ihm diese Fragen auch stellen, die wir in dieser Situation an ihn haben. Vielleicht durchstreifen wir innerlich – äusserlich sollten wir ja zu Hause bleiben – die Städte, die Strassen und Plätze und suchen nach unserem Gott, der eigentlich der einzige ist, der unsere Seele glücklich machen kann, der uns Frieden schenken kann. Und vielleicht werden wir auch von jemandem gefunden, dem wir unser Leid erzählen können, dem wir sagen können, dass wir mit der Situation hadern, dass wir Gott nicht finden können. Manchmal ist es wichtig, es einfach aussprechen zu können, beim Ehepartner, bei einer Nachbarin, beim Pfarrer oder einer guten Freundin. Und vielleicht dürfen wir erfahren, dass mitten in dieser Suche er, den wir so beharrlich gesucht haben, plötzlich vor uns steht, ja vielleicht schon die ganze Zeit da war und uns getragen hatte, wir ihn aber nicht erkannten in unserem Schmerz. Manchmal kommt uns Gott aber auch ohne solche Krise im normalen Alltag abhanden. Da ist so viel anderes, das uns in Beschlag nimmt, dass Gott darüber ganz vergessen geht und wir plötzlich in einer ruhigen Minute uns fragen, wo denn Gott eigentlich steckt, was er für uns noch bedeutet und wir ihn dann zu suchen beginnen.

Fra Angelico
Fra Angelico: Noli me tangere – Fresko in einer Zelle des Klosters von San Marco (Florenz) um 1440.

Für den Gottesdienst am Ostersonntag ist in der Leseordnung der katholischen Kirche ein Osterevangelium vorgesehen, in dem diese Erfahrung der Gottsuche ebenfalls beschrieben wird. Es wird da in Joh 20,1.11-18 erzählt, wie Maria von Magdala früh am dritten Tag, nachdem Jesus gekreuzigt geworden war, zum Grab kommt und dieses offen vorfindet. Sie sitzt vor dem Grab und weint. Der, der ihr das neue Leben, das wirkliche Leben geschenkt hat, er, der Gott ist, er ist ihr genommen worden. Zuerst wurde er getötet und nun ist auch noch sein Leichnam verschwunden. Während sie weint, beugt sie sich ins Grab hinein. Sie setzt sich mit ihrer Wunde auseinander und beweint sie und in diesem Prozess trifft sie auch Engel, die sie fragen, was sie suche. Sie drückt ihre Not aus und dreht sich um. Da trifft sie auf einen ihr fremd erscheinenden Mann, der sie wiederum nach ihrer Not fragt und sie diese nochmals benennen lässt. Da hört sie ihren Namen und sie findet den, den sie sucht, ihren Gott. Er war schon die ganze Zeit da, aber sie meinte, es sei der Gärtner. Erst nach einem Prozess der Trauer findet sie Gott. Zuerst muss sie ihn suchen, erst dann lässt er sich finden. Es scheint, als ob sie Jesus dann wie die Frau im Liebesgedicht ihren Geliebten festhalten möchte. Nur hier lässt Jesus das nicht zu. Er muss zuerst zum Vater gehen, auf dass er dann immer bei uns sein wird und wir ihn jederzeit finden können, wenn wir ihn suchen. An Maria aber gibt er den Auftrag: „Geh zu meinem Brüdern und sag ihnen …“. Wenn wir Gott nach langer Suche gefunden haben, durch unsere Wunden und Verletzungen hindurch, dann sollen wir zu unseren Brüdern und Schwestern gehen und ihnen verkünden, dass wir ihn gefunden haben, dass Gott unser Leben reich macht und sich überall finden lässt, dass das Leben letztlich immer den Sieg davon trägt, wenn man tiefer sieht und Gott gefunden hat.

Sr. M. Manuela Gächter OP

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